Baum-Sein

Vor Jahrzehnten besuchte ich mein erstes Therapiewochenende. Zu diesem hätte ich verkleidet erscheinen sollen, was ich nicht wusste. Gefragt, als was ich denn „gehen“ wolle, dachte ich sehr lange nach, und sagte dann: ein Baum. Und auf die Frage was für ein Baum, dachte ich wieder sehr lange nach, und sagte dann: ein Ginkgo. Ein Wochenende lang war ich dann verkleidet als Ginkgo Baum.

In den letzten Tagen dachte ich manchmal: vielleicht bin ich wirklich ein Baum. Vielleicht wirklich ein Ginkgo. Einer von diesen Urzeitbäumen. Gerade bin ich dabei all die leuchtend gelben Nadelblätter abzuwerfen und nur noch mit meinem Geäst da zu stehen. Ich reduziere mich auf das Grundgerüst, und lasse alles andere weg, alles Grün, alles Bunt. Oft stehe ich einfach nur da, ohne etwas zu denken oder zu tun. So stelle ich mir das Leben der Bäume auch vor: sie sind da, sie sind lange da, sie denken nicht, sie  tun nichts, sie sind einfach nur da. Manchmal mit Blättern, manchmal ohne. In der Aktivität des Sommers finde ich es unvorstellbar, so ruhig einfach nur dazusitzen oder zu stehen. Im Novembernieselgrau ist das oft alles, was nötig ist. Sonst nichts. Tiefe Ruhe. Und etwas fällt ab. Etwas bereitet sich auf etwas Neues vor. Was es ist, wird sich später zeigen, noch ist es nicht nötig darüber etwas zu wissen.

Im Paradigma der Gegenwart scheint so eine Haltung nicht vorgesehen. Es ist, als ob wir immer leistungsfähig, immer engagiert, immer tatkräftig und vor allem lernfähig sein sollen. Wenn etwas davon nicht zutrifft, brauchen wir eine Diagnose, die es uns erlaubt, in den Wintermodus einzutauchen. Den „Einfach-Nur-Sein“ Modus. Und ich? Ich stehe außerhalb vieler Maße, brauche als Selbständige keine Krankschreibung – bekomme auch keine Unterstützung, wenn ich nicht „funktioniere“.

Vor Jahren auf einem Retreat traf ich Tina. Wir kannten uns kaum, aber irgendwann schaute sie mich lange und intensiv an und sagte dann zu mir: „Du sprengst den Rahmen nicht. Du passt einfach gar nicht erst hinein.“ Bei diesem Satz fühlte ich mich wahrgenommen, darin finde ich mich wieder. Als menschlicher Baum.

Mein Impuls:

Wie sieht es bei dir aus: passt du in den Rahmen? Und wenn ja, was tust du dafür? Kostet es dich viel, in den Rahmen zu passen und das zu tun, was von dir erwartet wird? Oder ist der Rahmen genau für dich gemacht, und du fühlst dich pudelwohl und angenehm geschützt darin?

Wenn du Lust hast, bastle einen Rahmen, der genau für dich passt, und male ihn bunt an. Denke daran, dass der rechte Winkel nicht notwendigerweise zu einem Rahmen gehört, sondern „nur“ die Regel ist. Vielleicht wäre dein Rahmen rund? Oval? Oder trapezförmig? Vielleicht sogar dreidimensional und ein Zylinder?? (Daraus würde vielleicht eine Laterne – ganz passend für den November!)

Ich grüße dich von Herzen! 

EvaMaria

Consent Management Platform von Real Cookie Banner