Stille

„Auch heute ist die Substanz des Schweigens, mitten in der Welt des Lärmens, manchmal noch in einem Menschen darin.“ Als ich diesen Satz vor einigen Jahren las, war ich wie elektrisiert: was für ein wunderbarer Begriff „Substanz des Schweigens“! Max Picard bezeichnet es so in seinem Buch „Die Welt des Schweigens“. Ich hatte das Gefühl sofort zu wissen, was er damit meint – diese Welt, die sich eigentlich den Worten entzieht: wie will man denn ein ganzes Buch über das Schweigen schreiben? Aber er tut es. Und fasst etwas in Worte, was sonst nur einfach da ist. Schweigen ist nicht ganz das selbe, wie Stille. Es ist ja eigentlich nie ganz still. Schweigen ist das, was auftaucht, wenn ich lausche, und wenn keine Worte, keine Gedanken da sind. Und das, was dann da ist, ist etwas Eigenes, es ist keine Leere, sondern gefüllt mit Etwas. Viele Menschen scheinen Angst zu haben vor dem, was auftaucht, wenn da kein übertönendes Geräusch mehr ist. Dennoch ist es genau diese Substanz, die einen Teil von uns ernährt, der sonst verhungert. Und wir bemerken es meist kaum, dieses Hungern nach dem, „was da ist, wenn sonst nichts da ist“( Iris Johannsson).

Gerade in den letzten Wochen nehme ich das Schweigen in der Atmosphäre als sehr intensiv wahr, als ob es angefüllt ist mit Dichte, als ob es überquillt mit etwas Neuem, was ich nicht benennen, nur fühlen kann.

Ich bin langsam in diesen Januar Wochen, bewege mich behutsam durch mein Leben, lasse wenn möglich den Druck weg und nehme mir Zeit zu lauschen. Das brauche ich jetzt, sonst wird das Schweigen erdrückt von Geräusch, das vom großen Tun erzeugt wird. Oft geht es mir noch so, dass das Tun größer ist, als das Sein. Mehr Raum einnimmt, sich wichtiger macht. Letztes Wochenende war der Raum riesig, in dem das Schweigen wohnte: Schnee. Weite. Die Luft klar, kalt und still. Die Präsenz von Etwas greifbar in der Atmosphäre. Sonnenaufgang in Pink, Rosa, Hellblau und all den anderen Farbtönen, für die ich keine Worte habe. Ein Konzert, eine unhörbare Sinfonie von unfassbarer Größe. Ich glaube, Musik macht manchmal genau das fassbar: das Schweigen. Der Klang widerspricht dem Schweigen nicht, sondern erklärt es, erläutert es, macht aufmerksam darauf und lässt danach wieder die Stille ein, die dann anders wahrnehmbar ist.

Mein Impuls

Kennst du das Schweigen, die Stille, die eine Pflanze ausstrahlt? Geh zu einer Pflanze deiner Wahl und lausche ihr, sieh sie an, nimm sie ganz in dich auf, wende dich ihr ganz zu und schau, was passiert. Was fällt dir an ihr auf? Welche Gefühle tauchen in dir auf? Welche Gedanken? Was verändert sich in dir?

 

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