Wert

Als ich jung war, beklagte sich meine Mutter häufig; sie hatte ein schweres Leben und konnte gut und ausdauernd klagen und schimpfen. In meiner Gegenwart äußerte sie nur Schlechtes über das Leben. Irgendwann, als sie schon alt war, und wir über das Sterben sprachen, fragte ich sie, ob sie bereit sei zu gehen, und sie sagte, nein, sie wolle doch noch gern etwas länger leben. Ich verstand das nicht, und fragte sie, warum, wenn doch alles nur schlecht ist? Und da gab sie zögernd zu, dass das Leben ja doch auch irgendwie schön ist, dass es schöne Dinge gibt, die wir erleben können, dass die Erde selbst schön ist.

Oft kommt es mir so vor, dass es sehr menschlich ist, den Wert des Lebens nicht zu erkennen. Auch mir geht es so. Ich hielt es zum Beispiel für selbstverständlich, dass ich beweglich bin und kräftig genug das zu tun, was ich tun will. Seit ich in den Wechseljahren bin, habe ich häufig Gelenkbeschwerden, zum Teil in gravierendem Maß. Ich beobachte, dass ich verblüfft bin, dass ich den Wert meines Körpers und seiner Möglichkeiten jetzt ganz anders zu schätzen weiß. Und seine Endlichkeit erkenne.

Das Thema Wert beschäftigt mich immer wieder. Was bin ich wert? Fühle ich mich kostbar? Spiegelt mir die Welt das? Da ich selbständig bin, bestimme ich auch meine Preise selbst, setzte meinen eigenen Wert fest. So ist es üblich: was kostet das? Und wenn es viel kostet, ist es wertvoll. Wenn es nichts kostet, oder nur wenig, ist es wertlos, dann nimmt man es so mit, schätzt es aber nicht.

Seit Jahren experimentiere ich damit, bei meinem Mantra Singen keinen festen Preis zu nehmen, ebenso wie bei meiner Arbeit mit Kristallklangschalen. Das heißt, jeder entscheidet selbst, was stimmig ist, zu geben. Für viele Menschen ist das ungewohnt. Für mich bedeutet es die Freiheit, dass jeder dabei sein kann. Ich nenne es nicht gern Spende, denn Spenden werden meist verstanden als eine Art „milde Gabe“. Ich mag es lieber Ermöglichungsbeitrag nennen, oder Wertschätzung.

Was mir gegeben wird, macht es mir möglich damit weiter zu machen, es wird als wertvoll erachtet, und ich kann es tun, weil ich mir von dem Geld, was ich bekomme Nahrung kaufen kann und einen warmen Platz zum Wohnen. Aber was, wenn ich nur sehr wenig bekomme, oder nichts? Bin ich dann wertlos? Oder wird mein Wert nicht erkannt? In mir komme ich in solchen Fällen immer noch an ein altes Muster der Wertlosigkeit – wenn ich wenig bekomme, empfinde ich die alte Wertlosigkeit, so, wie sie mir in meiner Kindheit vermittelt wurde. Und immer noch beobachte ich, dass wir die Muster der Wertlosigkeit an unsere Kinder weiter geben, oft ohne es zu bemerken, und manchmal ohne es anders zu können. Ein Schmerz, der sich fortsetzt.

Tief im Inneren weiß ich, dass ich kostbar bin, dass alles Leben kostbar ist und nichts sich mit anderem vergleichen lässt. Eine Mücke, ein Wal, ein Krokus oder eine Bakterie: sie alle sind wunderbare Schöpfungen der göttlichen Weisheit und Liebe, wenn ich beginne ganz genau hinzuschauen. Und aufmerksam und achtsam hinzuschauen ist vielleicht ein Schlüssel, aus dem üblichen Wertemuster auszusteigen und individuelle neue, eigene Werte zu setzen. Dazu lade ich dich ein, in Zeiten des rückläufigen Uranus im Stier, der alle unsere Werte hinterfragt und es uns damit leicht macht etwas zu verändern.

Mein Impuls:

Wähle dir etwas aus, was du normalerweise wertlos oder überflüssig findest: Ein Werbegeschenk vielleicht. Den Sand in deinem Flur nach dem letzten Besuch am Meer. Ein Geschenk, was dir gegeben wurde, und was du dir nicht gewünscht hast. Nimm dir Zeit es zu betrachten und in seinem ganz eigenen Sein wahrzunehmen. Schau genau hin. Und frage dich, ob es wirklich wertlos ist, oder ob es deine eigene Betrachtungsweise ist, die ihm keinen Wert zumisst. Schau es so lange an, bis du das Gefühl hast, etwas ganz Neues zu sehen, was dir noch völlig unbekannt ist. Dann schau in den Spiegel und schenke dir ein Lächeln. Nimm deine eigene Kostbarkeit an! (Und wenn es dir albern vorkommt, dann probiere es dennoch, und tu so als ob, auch das hat seine Wirkung!)

Ich grüße dich von Herzen! 

EvaMaria

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