Zwischen-Klänge N°4: Von der Sichtbarkeit

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich das Dach des Nachbarhauses, auf dem reichlich Moos wächst. Ich betrachte das Moos und die kleinen Inseln, die es bildet, und meine Augen ruhen darauf aus. Dabei schaue ich durch eine Fensterscheibe, die dringend mal geputzt werden müsste. Wenn ich auf das Moos schaue, fällt mir das nicht auf, ich sehe es nicht. Ich sehe auch so vieles andere vor meinen Augen nicht: die Fensterbank voll mit schönen Steinen und Rindenstückchen in bizarren Formen. Ich sehe nur das, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte.

Manchmal sagen Menschen zu mir, ich sei verschlossen. Sie vermissen etwas bestimmtes zu sehen oder zu hören. Woran liegt das? An dem, was sie sehen? An dem, was sie erwarten zu sehen und nicht finden? An dem, was sie nicht sehen, weil sie es nicht erwarten? An dem, was ich von mir sichtbar mache?

Wer bestimmt, was gesehen wird, der Beobachter, oder das Objekt?

Auf der Grafik siehst du zwei Linien. Erscheinen sie dir gerade, oder gebogen?
Sie sind gerade und parallel. Aber fast allen Menschen erscheinen sie gebogen. Das hat mit den Strahlen zu tun, die aus der Mitte nach außen führen.
Und die Wirklichkeit? Was sehen wir davon? Was davon nehmen wir so wahr, wie es ist? Wo trügt uns der Schein? Ich mag an dieser optischen Täuschung, dass deutlich.
Eines meiner Lieblingsgedichte ist „Möwenflug“ von Conrad Ferdinand Meyer. Es hat genau das zum Thema: was ist echt, was ist Täuschung? Wenn du Ruhe hast und es lesen magst, dann empfehle ich dir die Lektüre!

Möwenflug

Mein Impuls:

Was siehst du von deinem nahesten Mitmenschen? Bitte ihn oder sie etwas Alltägliches zu beschreiben, was ihr gemeinsam seht. Frag nach, wenn du etwas nicht verstehst. Bitte darum, dass es dir so genau beschrieben wird, bis du bemerkst: dieser Mensch sieht die Welt aus einer anderen Perspektive, einem Blickwinkel, der für dich neu ist. Erlebe etwas Neues, wenn du magst!

Consent Management Platform von Real Cookie Banner